Berliner Bärenfreunde e.V.

Montag, 29. November 2021

Berliner Bärenstory

Das Haus „Pro-social“ der urban-social gemeinnützige Wohnheimgesellschaft mbH steht für interkulturelle Vielfalt und Aktionen in seinen Inhalten und Angeboten.

Die Bärenstory soll in keinem Kontext zur eigentlichen Berliner Geschichte stehen.
Sie entstand aus dem Versuch heraus, Jugendlichen aus verschiedenen Ländern der Welt, insbesondere aus Europa, Berliner Geschichte interessant zu nahe zu bringen, sie mit einzubeziehen. Wir haben es hierbei mit jungen Menschen zu tun, die sich als Gäste der urban-social gGmbH zu internationalen Begegnungen und Europäischen Projekten in der deutschen Hauptstadt aufhalten und Berlin natürlich nicht trocken erklärt haben wollen.

Wir erzählen diese Geschichte zu jedem Anfang der Stadtführungen am Berliner Bärenbrunnen im Nikolaiviertel und jedes Mal gibt es hier riesigen Applaus.
Und natürlich wissen die Jugendlichen, dass die Story eben nur eine Story ist… aber sie freunden sich sehr schnell damit an, besorgen sich im Anschluss an die Geschichte Plüschbären und entwickeln ein liebevolles Verhältnis zum Berliner Bären. Und darum geht es uns.

Inzwischen erschienen in der Presse Europäischer Länder bereits Artikel, die auf der Wiedergabe der Story durch die Jugendlichen basieren und die Geschichte in ihren Facetten wiedergibt.
Inzwischen fanden zu unserer Story schon verschiedene europäische Projekte statt (Berliner-Bären-Story-Tanz, Comicprojekt, Theaterprojekt…) Hier unsere Version, die bei den Jugendlichen sehr gut ankommt, aber nichts mit der originalen Geschichte des Berliner Bären zu tun hat.

Unsere Story vom Bär, dem Bär als das Tier im Wappen von Berlin, beginnt wie ein Märchen aus alter Zeit. Es war einmal, vor langer, langer Zeit……
Und wir blicken weit zurück, in eine Zeit, als man in Berlin längst noch nicht begonnen hatte den Fernsehturm zu bauen – wozu auch, es gab noch kein Fernsehen. Straßen gab´s auch nicht, denn sie wurden noch nicht gebraucht, weil weder Bus, Tram oder Autos fuhren. Und überhaupt, wo wir heute die Mitte Berlins sehen war nur Wald, Wald, Wald. Wald und die Quelle des Lebens in Berlin, die Spree, damals wie heute die Lebensader der Menschen.
Und sonst: nichts! Nur dichter Wald, die Spree, nordöstlich gelegen die 30 km lange Wuhle als kleiner Nebenfluss der Spree und wieder nur Wald, Wald, Wald.
Genau dort, wo nichts war als Wald und Spree, in der Mitte der heutigen Hauptstadt Berlin, im heutigen Nikolaiviertel und direkt an der Spree beginnt auch unsere Geschichte.
Die Geschichte des Berliner Bären.

Sie begann vor ungefähr 1.600 Jahren. Mitten im Wald und am Ufer der Mündung der Dahme, eines Nebenflusses der Spree, im heutigen Berliner Bezirk Köpenick.
Zu dieser Zeit trafen sich hier eine Handvoll Menschen, Slawen, Jung und Alt, alle nach langer Wanderung und auf der Suche nach einem neuen Flecken Landschaft, in dem man sich ansiedeln und leben konnte. Hier fanden sie Wald und Wasser, die Gegend war ganz nach ihrem Geschmack.

Die Spree, war damals noch voller bestem Fisch und der Wald, damals noch „bewohnt“ von vielen Tieren und genau tausend Bären. So versammelten sich die Menschen hier, anfangs nicht mehr als 100 Männer, Frauen und Kinder. Während die Kinder in die Waldschule gingen angelten die Jugendlichen in Spree und Wuhle. Die Männer jagten Bären um Fleisch gegen den Hunger und Pelze gegen die winterliche Kälte und als Unterlage zum Schlafen zu haben. Die meisten Frauen kümmerten sich zusätzlich um die Kinder und besuchten gelegentlich Fortbildungsseminare.
Bevor die ersten Hütten gebaut wurden, vom Plattenbau war man ja noch über Eineinhalbtausend Jahre entfernt, versammelten sich die slawischen Ureinwohner Berlins abends am Lagerfeuer. Sie tanzten zu slawischen Liedern, veranstalteten fröhliche Partys, organisierten Lagerfeuer-Discos für die Teenies. Der neueste Modetrend seinerzeit war der Bärenpelz für die Herren sowie das Fischschuppen-Kleid und der Bären-Tanga für die Dame. Dazu trugen die Frauen Bärenpelzschuhe mit hohen Absätzen aus Bärenknochen.

Es lebte sich gut hier. Früchte, Holz, Fleisch, Wasser – alles war zur Genüge vorhanden.
Und so begannen sich die slawischen Familien zu vermehren. Sie rodeten den Wald und legten die ersten Siedlungen an. Reste dieser slawischen Siedlungen wurden erst vor wenigen Jahren in dieser Gegend, im Verlauf des kleinen Spree-Nebenflusses Wuhle bis hin in das südliche Marzahn, in Biesdorf, gefunden.
Bis zur ersten binationalen Jugendbegegnung von slawischen mit, östlich der Oder, also gerade mal in 4-Tages-Wanderung entfernt lebenden ostgermanischen Mädchen und Jungen, sollten nur ein paar Jahre vergehen. Um sich verständigen zu können, wurde rechtzeitig Gotisch als Fremdsprache in den Waldschulen der slawischen Stämme gelehrt. Die Jahre gingen ins Land…

Immer mehr Siedlungen entstanden und irgendwann, 800 Jahre später, also vor 800 Jahren, erreichten die Menschen in ihrem Siedlungsbau die heutige Berliner Innenstadt.
In den zurückliegenden 800 Jahren hatte sich vieles geändert: die Wälder östlich der Innenstadt waren nun zum großen Teil abgeholzt, es waren viel weniger und viel kleinere Fische in Spree und Wuhle und auch die Anzahl der Bären war um 999 Bären reduziert. Ja, es blieb wirklich nur noch ein einziger Bär übrig. Um ihn zu schützen erließ die oberste Landschafts- und Naturschutzbehörde in Absprache mit der Berliner Gesellschaft für Urbanistik e.V. ein Gesetz „zum Artenschutz des letzten Bären in Bärlin“.

Mit ihrem Siedlungsbau vor 800 Jahren in der heutigen Berliner Mitte angekommen, war er unter ihnen: der einzige und letzte Bär. Die Menschen hatten ihn mitgebracht. Er sollte einer von ihnen sein: ein Berliner!
Nicht genug. In einer geheimen Sitzung der Stadtverordneten mit dem bereits 1209 gegründeten Franziskaner-Orden, bei dem auch der Bau der Nikolaikirche mit seinen zwei Kirchtürmen und mit dazugehörigem Brunnen mit der Fertigstellung für das Jahr 1220 beschlossen wurde, ernannten die Parlamentarier/innen und Mönche den Bär, eben den einzigen und geschützten Bären, zum König der Berlinerinnen und Berliner.
In einer Volksabstimmung bekannten sich dann auch die Menschen zu diesen Beschlüssen.
Der Bär als König! „Es lebe unser König Bär!“ riefen die Menschen nach der öffentlichen Verkündigung dieses Beschlusses in Presse, Rundfunk und Fernsehen. Analoge wie digitale Medien richteten ihr Augenmerk auf den König. Der Regierende Bürgermeister spendierte im großzügigen Sponsoring eines nicht benannten Berliner Unternehmens eine Krone, DIE GOLDENE KRONE!

Und so begann vor 800 Jahren die Neuzeit der Berliner und Berlinerinnen mit einem König, mit ihrem König, mit dem Bärenkönig! Sie verehrten ihn sehr. Sie brachten ihm Honig und andere Leckereien. Sie tanzten für ihn auf dem Bärenplatz vor der Nikolaikirche. Er bekam Honigmilch und
man veranstaltete Bärenseminare, Bären-Symposien und Bären-Tagungen für ihn. Er wurde für die Berliner Ehrengalerie des Abgeordnetenhauses porträtiert.
Die erste Stadtbäckerei im Nikolaiviertel entwickelte zu Ehren des Bären das Rezept für einen Pfannen-Kuchen: den „Bärliner“ heute weltweit bekannt als „Pfannkuchen“ oder „Berliner“.
Die erste Tombola erhielt damals den Namen „Bärliner Bärenlotterie“ und das erste Bier den Namen „Bärliner Bären-Bräu“.

Der Bär ist unser König, sangen die Menschen! Er war allgegenwärtig. Und wie es so oft ist in der Geschichte der Menschen und der Bären, besonders aber der Könige, überkam unserem Bär die Arroganz. Er wurde überheblich und ließ sich feiern.
Kameras gab es noch nicht. Es fehlte ihm ein Spiegel! Ein kleiner Spiegel nützte ihm, dem großen Bären-König, nichts. Ein riesiger Spiegel musste es sein. Seiner Bärliner Majestät zu Ehren hatten die Menschen im heutigen Berliner Nikolaiviertel, gleich neben der Kirche, einen gewaltigen Bären-Brunnen gebaut. Das Wasser im Brunnen sollte dem Bärenkönig nun als Spiegel dienen.

Nun stampfte der Bär mit der Krone auf dem Kopf zum Brunnen vor der Kirche.
Vor der Brunnenwand richtete er sich, in seinen beeindruckenden 3 m Höhe auf und rief den Menschen zu: seht mich an! Ich habe die Krone, die goldene Krone! Ich bin Euer König! Nur ich, denn ich habe die goldene Krone! Und nur, wer die goldene Krone hat, kann König der Bärliner sein.
Und nun war es für ihn auch an der Zeit, sich selbst mit der goldenen Krone zu bewundern.
Der Bär beugte sich über den Brunnen und erblickte sich im Spiegelbild des Wassers. Er war begeistert. Eitel und arrogant. Er schüttelte und drehte seinen Kopf, bewunderte sich mit der Krone.

Und, es geschah was geschehen musste. Wie sich der Bär im Wasser des Brunnens, im Spiegelbild, mit seiner Krone auf dem Kopf, bewunderte, immer wieder den Kopf von der einen zur anderen Seite drehte und verzückt rief: „Ich sehe die Krone, sie ist auf dem Kopf des Königs! Ich bin der König!“ fiel sie herab, in den Brunnen. Die goldene Krone. Sie war weg. Sie fiel in den Brunnen.

Da es zu dieser Zeit noch keine funktionierende Infrastruktur gab, konnten die Menschen natürlich auch keine Feuerwehr alarmieren um das Wasser abzupumpen und die goldene Krone aus dem Brunnen zu holen.
Der Bär aber, er schämte sich plötzlich. Ihm wurde in Sekunden klar, dass er das Vertrauen der ersten Berlinerinnen und Berliner missbraucht hatte. Eine Schande! Und so sprang er vom Brunnenrand und jammerte und rannte, rannte, rannte…
Er lief so schnell ihn seine Pfoten trugen, war er doch nun nicht mehr der einzige Bär, den die Menschen als ihren König anerkannten. Er war nur noch: ein Bär.

Der Bär lief in die Richtung, aus der sich einst, vor 800 plus 800 Jahren, eine Gruppe Slawen an Dahme und Spree, im heutigen Köpenick und Marzahn, direkt an der Wuhle, angesiedelt hatten.
Von dort aus rannte er ins Brandenburgische, orientierte sich in Richtung Polen, kam über Zielona Góra, dann vorbei an Wrocław, Łódź, Warschau und Białystok, pausierte in Minsk und verschwand dann in die weiten Gegenden Russlands, nach Sibirien.

Seit dieser Zeit ist der Bär, mit oder ohne Krone, im Gedächtnis der Berlinerinnen und Berliner geblieben. Er ist seit 1280 das Berliner Wappentier und heute in jedem Souvenir-Shop in Berlin in verschiedenen Varianten erhältlich. Die Berliner erinnern sich an ihren Bär. Sie haben ihn nie vergessen. Der Berliner Bezirk hat sich einige der Orte, die er bei seiner Flucht durchquerte, zu ihren Städtepartnern auserwählt. So die polnische Stadt Tychy und den Minsker Stadtbezirk Oktober.

 

Wir danken Herrn Hans-Jörg Muhs, Mitglied der Gesellschaft für Urbanistik, für die interessante Berliner Bärengeschichte