Berliner Bärenfreunde e.V.

Donnerstag, 24. Juni 2021

Darf’s ein Bär mehr sein?

Aus den Sammlungen – Mitte Museum

Souvenirs in Sammlungen kulturhistorischer Museen

Am Anfang war der Bär. Der Berliner Bär. Genauer gesagt, eine Souvenirfigur aus den 1970er-Jahren. Der Fund dieser Figur im Depot des Mitte Museums regte zu der Frage an, wie ein Berlin-Souvenir in die Sammlung eines Berliner Museums gelangt ist. Die Bestimmung eines Souvenirs ist doch eigentlich, den Ort zu verlassen, den es repräsentiert, und nicht dort zu verbleiben.

Die Berliner Souvenirbranche freut sich seit Jahren über steigende Touristenzahlen. Eine riesige Auswahl an Andenken erwartet die Besucher der Stadt, für jeden Geschmack und in jeder Preisklasse. Auch die Museen haben sich diesem Trend nicht entziehen wollen – in den Museumsshops nehmen Souvenirs mittlerweile einen festen Platz ein. Doch sind sie auch in den musealen Sammlungen vertreten?

Bei der Sichtung der Sammlung nach weiteren Gegenständen mit Souvenir-Charakter kamen letztlich mehr als einhundert Objekte unterschiedlicher schiedlicher Art zusammen, deren Entstehungszeitraum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reicht. Als Souvenir wurde dabei jeder Gegenstand definiert, der mit der Intention hergestellt worden ist, an einen Ort, ein Ereignis oder eine Person zu erinnern bzw. einen Ort zu repräsentieren.

Alle diese Gegenstände haben gemein, dass sie im Bezug zum heutigen Berliner Bezirk Mitte stehen und somit zu den materiellen Zeugnissen der Bezirksgeschichte gehören, deren Erforschung und Darstellung den Schwerpunkt des Mitte Museums bilden. Berlin-Souvenirs sind dabei ebenso vertreten wie Reiseandenken an Orte, die von den Berlinern besucht wurden. Einige dieser Objekte erzählen persönliche Geschichten, geben Einblick in die Alltags- oder Reisekultur. Andere erinnern an historische Ereignisse oder politische Entwicklungen und spiegeln die Geschichte der Hauptstadt. Damit laden sie ihrerseits die Betrachter zu einer Reise ein – einer »Zeitreise« in die Berliner Vergangenheit.

So erinnert eines der ältesten Souvenirs in der Sammlung, ein bemalter Pfeifenkopf aus Porzellan aus dem 19. Jahrhundert, an die berühmte Kroll-Oper im Tiergarten. Angefertigt in kleiner Auflage, waren solche hochwertigen Andenken den gutsituierten Bürgern vorbehalten. Im Vergleich dazu erscheinen die Reiseandenken einer Berlinerin aus den 1950er- bis 1960er-Jahren vertrauter, da wir sie in ähnlicher Form auch heute noch kennen: kleine Mitbringsel wie Miniaturhumpen, Glöckchen oder Anstecker mit aufgedruckten Ortsnamen. Auf den ersten Blick nur eine Sammlung von Nippes, stehen diese Gegenstände in ihrer Gesamtheit für ein Kapitel einer Lebensgeschichte. Zugleich belegen sie die Vielfalt der industriell gefertigten Andenken in Zeiten des zunehmenden Massentourismus.

Zwei Berlin-Souvenirs aus den 1970er-Jahren repräsentieren jeweils eine Hälfte der geteilten Stadt. Ein Schreibset in Form des Berliner Fernsehturms vertritt hier Ost-Berlin. Die Hauptstadt der DDR erhielt mit der Errichtung des Fernsehturms 1969 ein neues Wahrzeichen, welches als Symbol der Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus fortan in der Selbstdarstellung der Stadt allgegenwärtig war. Die West-Berliner Senatsverwaltung setzte 1979 auf eine humorvolle Strategie des Stadtmarketings: Der »Berliner mit Füllung«, ein Pfannkuchen aus Blech, enthielt ein Büchlein mit Informationen über die Stadt und sollte diese den Bundesbürgern als attraktives Reiseziel »schmackhaft« machen.

Eine Tasche mit dem Aufdruck »I love Berlin« aus den 2000er-Jahren scheint zunächst nur ein weiteres Massenerzeugnis aus der breiten Palette der heutigen Souvenirproduktion zu sein. Der Name des »geliebten« Ortes ist genauso austauschbar wie die Produktform, auf die er gedruckt wird. Das Besondere an dieser Tasche ist ihre Geschichte. Sie wurde von einer Berlinerin türkischer Herkunft getragen und von ihr bewusst als Zeichen ihrer Identifikation mit der Stadt eingesetzt. Aus der klassischen Botschaft des Souvenirs »Ich war dort« wurde die Aussage »Ich bin hier. Hier bin ich zu Hause«.

Schon diese wenigen Beispiele veranschaulichen, dass Souvenirs als kulturelles Phänomen ein spannendes Forschungsfeld bieten. Als Sammlungsobjekte in Museen geben sie Einblicke in die Alltags-, Tourismus- und Industriegeschichte, zeugen von Moden wie von Strategien des Stadtmarketings oder der Wahrnehmung eines Ortes im Wandel der Zeit. Betrachtet man das private Sammeln von Souvenirs, weist es eine bemerkenswerte Parallele zur museologischen Praxis auf. Ein Souvenir wird für seinen Besitzer zum Zeugnis einer Geschichte, welche bewahrt, ausgestellt und vermittelt werden will.

Gelangt ein Souvenir aber in die Sammlung eines Museums, verliert es diese emotionale Energie. Im Museum wird es zum Repräsentanten für ein Segment der materiellen Kultur, wenn seine individuelle Geschichte nicht dokumentiert wird. In einer Ausstellung wiederum kann ein solches Objekt als Vermittler von (Kultur-)Geschichte ein zusätzliches emotionales Potenzial entfalten – wenn es beim Betrachter eigene Erinnerungen oder Assoziationen auslöst.

Souvenirs verbinden die individuelle Erinnerung mit dem kollektiven Gedächtnis, und genau diese Verbindung macht Souvenirobjekte als Sammelgebiet für kulturhistorische Museen so interessant. Doch bei der Menge, Vielfalt und Austauschbarkeit der angebotenen Souvenirs stellt sich die Frage, was davon für ein Museum sammelnswert sein kann. Wo sind die Grenzen? Wenn es gerade die massenhaft produzierten Souvenirs sind, die den heutigen Massentourismus repräsentieren, sollten dann nicht ganze Produktserien in die Sammlungen aufgenommen werden – also lieber ein Bär mehr?

Antworten auf diese Fragen zu finden, ist eine ähnlich große Herausforderung wie die grundsätzliche Frage, die kulturhistorische Museen heute beschäftigt: Wie sammelt man Gegenwart?

Fotos:
Berliner Bär, 1961–72. Kunststoff, Metall, Papier, 13 × 7 × 5 cm. Mitte Museum

Reiseandenken aus dem Nachlass einer Berlinerin, 1950er- bis 1960er- Jahre. Holz, Metall, Kunststoff, Steingut, Höhe: 3 bis 9 cm. Mitte Museum

Pfeifenkopf mit Darstellung »Kroll’s Garten«, nach 1844. Porzellanfabrik Schney, Porzellan, bemalt, 13 × 3,3 × 4 cm. Mitte Museum

Metalldose »Berliner« mit Buch »Berlin in der Westentasche« von Peter- Lutz Kindermann, herausgegeben vom Verkehrsamt Berlin, Berlin (West), Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1979. 9 × 9 × 5 cm. Mitte Museum

Umhängetasche, ca. 2003. Vinyl, 25 × 35 × 11,5 cm. Leihgabe, Mitte Museum

Schreibset »Fernseh- und UKW-Turm Berlin«, nach 1969. VEB Schreibgerätewerk Markant, Kunststoff, 25 × 11,2 × 13,5 cm. Mitte Museum

Alle Fotos: Friedhelm Hoffmann

Julia Pomeranzewa

Die Autorin ist wissenschaftliche Volontärin am Mitte Museum. Das Mitte Museum ist derzeit aufgrund einer umfassenden Sanierung des denkmalgeschützten Museumsgebäudes geschlossen und wird 2018 wiedereröffnet.

Anmerkungen:

(1) Zur Begriffsdefinition von Souvenir vgl. Günter Oesterle: Souvenir und Andenken, in: Museum für Angewandte Kunst Frankfurt (Hg.): Der Souvenir. Erinnerung in Dingen von der Reliquie zum Andenken, Frankfurt a. M. 2006, S. 16–45.

(2) Das »I love Berlin«-Logo ist von dem ursprünglichen »I love NY«-Logo abgeleitet, welches 1977 vom Grafikdesigner Milton Glaser im Rahmen einer Werbekampagne für New York entworfen wurde.

(3) Dass Souvenirs ein fruchtbares Thema für Ausstellungen bieten, beweisen Projekte wie »Der Souvenir. Erinnerung in Dingen von der Reliquie zum Andenken« im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt (2006) und »Reiseandenken. Was vom Urlaub übrig bleibt« im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld (2012).

 

Erstveröffentlichung im MuseumsJournal Berlin & Potsdam 1/2017 Januar – März

Wir danken Chefredakteurin des MuseumsJournals, Nina Szymanski und Julia Pomeranzewa für die Freigabe des Artikels

 

Christa Junge