Berliner Bärenfreunde e.V.

Montag, 21. Juni 2021

Der Bärenzwinger im Köllnischen Park, Berlin

Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Christian Matschei und der Zustimmung des Vereins der ZOOFREUNDE HANNOVER e.V. darf an dieser Stelle der folgende Artikel veröffentlicht werden. Vielen Dank dafür.

Der Bärenzwinger im Köllnischen Park, Berlin

von Dr. CHRISTIAN MATSCHEI

Der artenreichste Tiergarten der Welt, der 1844 gegründete Zoologische Garten Berlin und der größte Landschaftstiergarten Europas, der 1955 eröffnete Tierpark Berlin, sind international weit bekannt. Umso überraschter sind tierbegeisterte Berlin-Touristen, die auf eine weitere, nahezu unbekannte Tierhaltung im Herzen der Hauptstadt treffen – dem Bärenzwinger am Köllnischen Park.


Heutige Ansicht des Bärenzwingers von der Westseite.

Berlin ist vom Namen her schon eng mit dem größten Landraubtier Mitteleuropas verbunden. Unzählige Bronze- und Steinskulpturen, Brunnen, Reliefs- und Firmenlogos verweisen auf eine sehr enge Beziehung der 774 Jahre alten Stadt mit der Tierart. Unklar ist bis heute jedoch ihre Namensgebung. Einige vermuten, sie ginge auf ALBRECHT I. zurück, der angeblich als „Der Bär“ bekannt war und als Eroberer und Gründer der Mark Brandenburg gilt. Eine andere Theorie von Dr. THEODOR ZELL bezieht sich auf eine Anlehnung an das indoeuropäische Wort „(w)erl“, welches für sumpfiges Gelände steht. Tatsächlich entstand das heutige Berlin am flachen Spreeufer aus der damaligen Doppelstadt Cölln und Berlin. Das an solchen Stellen viel Wildwechsel auftrat und hier sicher auch Bären lebten, ist ebenso denkbar.

Wie auch immer, der Bär ziert das Stadtwappen seit dem Jahre 1280 und dies ist bis in unsere heutige Zeit erhalten geblieben. Jedoch ist es erstaunlich, dass sich eine „ehrende“ Berliner Bärenhaltung recht spät ergab. Die Stadt Bern in der Schweiz hingegen ist ebenfalls eng mit dem Bären verbunden und stellte von 1530 bis 2009 das Wappentier, abgesehen von historischen Stadtgräben, in insgesamt 4 Berner Bärengraben aus (MATSCHEI 2003). Heute werden die beiden Braunbären „Finn“ (* 2006) und „Björk“ (* 2000) in einer angrenzenden knapp 6.000 m² großen Naturanlage gezeigt. Der ehemalige Bärengraben von 1857 dient nun als begehbare Touristenattraktion mit zahlreichen Informationen.


Die Bärendamen „Maxi“ und „Schnute“ 2010.

Es war ein lange gehegter Wunsch der Berliner ihr Wappentier in der Stadt lebendig zu erleben. Im Jahre 1937 kam es zu einem öffentlichen Aufruf, der von der Berliner Zeitung (BZ) unterstützt wurde. Der damalige Oberbürgermeister von Berlin und Stadtpräsident Dr. LIPPERT befürwortete den Gedanken und ließ zwei Standorte prüfen. Neben einer möglichen Anlage nahe des Großen Sterns im Berliner Tiergarten stand im „Gründungszentrum“ der Stadt der 1873 angelegte und etwa 2 ha große Köllnische Park zur Besprechung (UNGER 2001). Bereits 1938 hatte man sich für eine zukünftige Haltung in Berlin-Mitte entschieden (UNGER 2000).

Für die Umsetzung gewann man den Architekten GEORG ERNST KARL LORENZ, der das dortige von LUDWIG HOFFMANN erbaute Straßenreinigungsgebäude zu einem Bärenzwinger umbauen sollte. Noch während der Bauzeit wollten die BZ und der Tierpark in Bern jeweils einen Braunbären zur Verfügung stellen. Das Schweizer Tier sollte bei einer vorzeitigen Ankunft im Berliner Zoo untergebracht werden. Doch kam es nicht dazu. Bedingt durch das Heranwachsen der bestellten Jungbärendame „Leni“ und einer Seuchenregelung wurden zwei Ersatztiere direkt an den fertiggestellten Bärenzwinger abgegeben.

Am 17.08.1939 konnte um 15:00 Uhr unter der Teilnahme von tausenden Berlinern die neue Tieranlage eingeweiht werden. Die neue Attraktion im Stadtzentrum bestand aus drei Bärenkäfigen, einem Lagerraum für Stroh, einem Lagerraum für Futter, einem Innenhof mit Oberlicht, einen Pumpenkeller, zwei Ausläufen und zwei Wassergräben (UNGER 2001). Um den scharfen Krallen keinen starken Hausabrieb zu bieten verwendete man sogar Teakholz. Der Zugang zu den Stallungen erfolgte für die Pfleger, wie auch heute noch, von der Seite des Hauses. Der Zwinger war mit Rathenower Klinker verkleidet und das damalige Wappen der Stadt, gefertigt vom Bildhauer LUDWIG ISENBECK aus Friedenau, hing über den Zwingereingang.

Zur Eröffnung der Anlage wurden bereits vier Bären gezeigt: „Urs“ (*28.12.1938 in Bern), „Vreni“ (02.01.1939 in Bern) und zwei am 13.01.1938 im Zoo Berlin geborene Bärendamen. Eines der Tiere war ein Geschenk des Tiergartens an den Bärenzwinger, das andere Weibchen wurde von der BZ gestellt. Wenige Tage vor der Einweihung kam es zu einem großen Preisausschreiben zur Namensfindung der in Berlin geborenen Braunbären. Unter reger Beteiligung der Öffentlichkeit wurde sich für die Namen „Jule“ und „Lotte“ entschieden. Im April 1941 kam noch ein weiterer Braunbär hinzu, der, aufgrund seiner Maskottchenfigur eines Geschwaders bei der Luftwaffe, „Geschwaderbär“, „Staffelbär“, Teddy“ oder manchmal auch „Purzel“ genannt wurde (UNGER 2001).

Für die Betreuung der Tiere am Köllnischen Park wurde der gelernte Fleischer WALTER USSLEPP beauftragt. Erst nach dem Krieg kam als weiterer Pfleger AUGUST PORATH hinzu.

Bis 1945 überstanden die Berliner Bären die Wirren des 2. Weltkrieges. In dieser Zeit wurde sogar Gemüse auf dem Berliner Alexanderplatz angebaut und an die Tiere verfüttert. In den letzten Kriegstagen kam es durch die deutschen Streitkräfte zum Abschuss der Bären, vermutlich um die Gefahr eines Ausbruchs zu verhindern. Nur „Lotte“ überlebte und siedelte am 31.05.1945 in den Berliner Zoo (UNGER 2001), hatte dort mehrfach Nachwuchs und verstarb 06.02.1971 (UNGER 2000). Nach dem Krieg wurde der Bärenzwinger mit Sand gefüllt und diente den Kindern als Spielplatz.

Erneut war es die Berliner Bevölkerung, die sich nach dem Krieg Bären in ihrer Stadt wünschte und ebenso war erneut die BZ unterstützend tätig. Zur Wiedereröffnung am 29.11.1949 konnte ein junges Bärenpaar (*27.01.1948 und *15.02.1948) aus Bern ausgestellt werden, welches kurzzeitig im Zoo Leipzig untergebracht war (UNGER 2000). Zahlreiche Namensvorschläge und die mittlerweile beliebte traditionelle Taufe mit den Berliner Kindern führten am 16.12.1949 zu „Nante“ und „Jette“. Die über lange Zeit berühmtesten Bären der Stadt zeugten insgesamt 33 Jungtiere. Unter ihnen sogar viermal Drillinge und neunmal Zwillinge. Die erste Geburt im Köllnischen Park erfolgte am 12.01.1952 und die Jungbären wurden auf „Nese“ und „Jurke“ getauft. Beide Tiere zogen 1954 in die neu errichtete Bärenanlage der Berliner Wuhlheide um. Ein Jahr später erblickten „Piefke“ und „Rieke“ das Licht der Welt. Erst später stellte sich heraus, dass „Piefke“ ein Weibchen war und wurde in „Julchen“ umgetauft. Sie lebte bis zu ihrem Tod am 22.10.1981 im Zwinger. Bärenmann „Nante“ verstarb am 24.03.1979 und das Weibchen „Jette“ am 13.11.1984.

Ab 1964 stand der Bärenzwinger in der Regie des Tierpark Berlins und zahlreiche Jungtiere gelangten in das dortige Jungbärengehege des Kinderzoos. Von dort gelangten die Jungbären in die verschiedensten Tiergärten der DDR (UNGER 2000). Die Anlage jedoch am Köllnischen Park blieb in Verwaltung des Bezirksamtes Berlin-Mitte (UNGER 2001).


„Schnute“ ist seit 2007 die erste offizielle Stadtbärin Berlins.

Nach dem Tod von „Nante“ zogen die im Tierpark Staßfurt geborenen Bärengeschwister „Taps“ und „Schnute“ (*18.01.1981) in den Zwinger. Ihr erster Nachwuchs kam 14.01.1986 zur Welt, von dem das männliche Jungtier gefressen wurde und „Max“ aufgezogen wurde. Erst später stellte sich heraus, dass „Max“ ein Weibchen ist und wurde in „Maxi“ umbenannt. Bis heute lebt die Bärendame an der Spree.

„Taps“ musste aufgrund eines Hüftleidens im Mai 1991 eingeschläfert werden. Für ihn zog „Tilo“ (*08.01.1990) aus Bischofswerda erst in den Tierpark Berlin, dann im selben Jahr in den Bärenzwinger zu „Schnute“. Der Bärenmann, der als Stadtbär ebenfalls sehr populär war, erlag im Alter von nur 17 Jahren dem Lymphdrüsenkrebs. 1994 gebar „Schnute“ drei Bärenjunge und „Maxi“ zwei. Da der Bärenzwinger jedoch nur Platz für drei Bären bietet, wurden die fünf Bärenkinder des Jahres 1994 abgegeben.

Es waren die letzten Jungtiere des Bärenzwingers. „Atze“, „Bärolina“ und „Rieke“ gingen als Geschenk des regierenden Bürgermeisters von Berlin an den Zoo von Buenos Aires, Argentinien. Die beiden anderen Jungbären „Alex“ und „Piefke“ reisten im November 1994 nach Carbaceno in Nordspanien.


Die beiden Braunbären bei einer besucherumringten Fütterung mit Frau FALK.

Insgesamt wurden zwischen 1939 und 2011 55 Braunbären gehalten von denen zwischen 1952 und 1994 47 Tiere hier geboren wurden. Heute leben nur noch die amtierende Stadtbärin „Schnute“ und ihre Tochter „Maxi“ im Köllnischen Park. Sie genießen die umsorgte Pflege durch die beiden Betreuerinnen BRIGITTE KUTZNER und MARLIES GNAD. In mehrmaligen Fütterungen, die ausschließlich durch die Pfleger durchgeführt werden, erhalten die Tiere eine ausgewogene Ernährung, die sie auch nach Bärenmanier in der Bodenstreu, zwischen Ästen oder auf Baumstämmen suchen müssen. Eine komplette Sanierung des Zwingers in den 1990er Jahren bot zahlreiche Verbesserung für die Lebensqualität der Tiere. Zu diesen gehören u.a. zwei natürlich gestaltete Freianlagen, der Einbau von Fußbodenheizungen, eine Überarbeitung des Wassergrabens, ein neues Management im Umgang mit den Bären sowie eine Verbesserung der Besucherinformation für die etwa 100.000 Interessierten jedes Jahr.

Für den Erhalt des Zwingers, der Verbreitung seines Bekanntheitsgrades und der Pflege der Bärentradition Berlins engagiert sich der 1994 gegründete Verein „Berliner Bärenfreunde e.V.“. Unter der langjährigen Leitung von BERNDT UNGER und seit 2006 CHRISTA JUNGE ist eine nahezu verschwundener Blick für die Berliner Bären wiedergekehrt. Der Verein bemüht sich um die Erforschung der „Bärentradition“ der Stadt, rückte den Geburtstag Berlins wieder ins Augenmerk und steht im Kontakt mit anderen „Bärenländern“.

Es bleibt zu hoffen, dass der 72-jährige Bärenzwinger am Köllnischen Park auch in der Zukunft eine wichtige Begegnungsstätte mit der Berliner Tradition bleibt. Vermutlich nicht in Form einer Tierhaltung, aber womöglich als bedeutender Informationsort einer tierliebenden Stadtbevölkerung.

Literatur:

  • MATSCHEI, CH. (2003): Zu Gast in den wissenschaftlich geleiteten Tiergärten der Schweiz Teil 1. Takin 12. Jahrgang, Heft 2/2003. S. 31 – 32. Berlin.
  • UNGER, B. (2000): Der Berliner Bär: Ein Streifzug durch Geschichte und Gegenwart. München-Berlin.
  • UNGER, B. (2001): Die Berliner Stadtbären im Köllnischen Park. Bongo 31, S. 12 – 20. Berlin.

Abbildungen:

  • Abb. 1: Heutige Ansicht des Bärenzwingers von der Westseite.
  • Abb. 2: Die Bärendamen „Maxi“ und „Schnute“ 2010.
  • Abb. 3: „Schnute“ ist seit 2007 die erste offizielle Stadtbärin Berlins.
  • Abb. 4: Die beiden Braunbären bei einer besucherumringten Fütterung mit Frau FALK.
  • Alle Aufnahmen Dr. CH. MATSCHEI, 2010.