Berliner Bärenfreunde e.V.

Donnerstag, 24. Juni 2021

Der Streit um den Bären

Schnute ist Berlins letzte Überlebende Stadtbärin, die die sonderbare Tradition fortsetzt, Glücksbringer in einem Bärenzwinger in der Nähe des Märkischen Museums in der Stadt zu sein. Heute, ist die 34-jährige Pelzdame in der Mitte Berlins Spielball eines Tauziehens bei dem “Freunde” behaupten, sie ist krank und einsam und muss getötet werden. Aber wie, sieht ein unglücklicher Bär aus?
Von Jon Ørsted

Vor ein paar Wochen erzählte mir meine Freundin, dass sie einen Bären im Köllnischen Park gesehen hat, direkt hinter dem Märkisches Museum, wo sie und ihre Kollegen zu Mittag essen. “Hä? Gibt es einen Zirkus in der Stadt?” habe ich gefragt. “Nein, er lebt dort – auf einer kleinen, innen liegenden Insel, ganz allein”, hat sie gesagt. Das sonderbare Bild, dass ein einsamer, trauriger Bär im Park lebt, hat einen schnellen Blick zur Suche nach “Berliner Bär” online veranlasst. Eine Menge von Artikeln vom April 2015 hat meinen Verdacht bestätigt: “Tieraktivist bittet um Euthanasie des Stadtbären.” Der Braunbär – eine 34-jährige Bärin Namens Schnute – war anscheinend in solch jämmerlicher Verfassung, dass er gefordert hat, sie einzuschläfern. Ein Aktivist Namens Stefan Klippstein behauptet, Schnute hat viel Gewicht verloren, Wunden an ihrem Pelz und könnte sich nur einige Meter weit schleppen. Gemäß einem anderen Artikel hat Tierärztin Maria Elena Kaschubat vom deutschen Tierschutzbüro “keine Notwendigkeit für diese Handlung” gesehen. Schnute hat alle Eigenschaften eines guten Zustandes ihres Alters für eine in Gefangenschaft lebende Bärin. Ich war irritiert. Warum will ein Aktivist den Stadtbären euthanisieren, wenn diese vermutlich bei guter Gesundheit war? “Sah sie krank aus oder unglücklich?” Ich habe weiter meine Freundin ausgefragt. Sie wusste es nicht. „Wie sieht ein unglücklicher Bärenblick aus?” Gute Frage. Ich musste Schnute selbst sehen, bevor es war zu spät war.

Die Zootierpflegerin

Am nächsten Tag bin ich zum Märkisches Museum gelaufen, entlang der Pfützen durch den Platzregen, bis ich den Hinweis sah: „Bärenzwinger“. Wie magisch angezogen fühlte ich mich, als ich mich ihm näherte: auf 450m² in einer ovalen Form, mit einem quadratischen mit Weinlaub bedecktem Gebäude im Zentrum und von einer Hecke umzäunt. Es war keine Sicht durch die Sträucher und kein Bär zu sehen, auch nicht auf der anderen Seite des mit Rindenmulch/ Sandgemisch gefüllten ehemaligen Wassergrabens, der die Insel umgibt. Ich bin einer Frau mit einem Müllbehälter vor dem Bärenhaus begegnet. “Kennen Sie Schnute? “Habe ich gefragt. “Ja”, hat sie ein bisschen ärgerlich geantwortet, unter ihrem Regenmantel.
“Ich kenne sie seit 22 Jahren.” Seit den letzten zwei Jahrzehnten, waren sie und ihre Kollegen 10 Stunden pro Tag im Bärenzwinger tätig, das mehrmalige Füttern am Tag und das sich Kümmern um Schnute, das Säubern des Käfigs und – die am meisten zeitaufwendige Aufgabe – das Antworten auf Fragen von neugierigen Besuchern. In diesen Tagen, ist der größte Teil der gestellten Fragen “Wo ist der Bär?” sagte die Pflegerin mit einem schmalen Lächeln. Als ich sie über die wirkliche Gesundheit von Schnute fragte, war ihr Lächeln verschwunden. Nein, sie sieht keinen Grund Schnute einzuschläfern, und sie müde ist von Leuten “die immer alles besser Wissen”. Sie hat die “Schnauze voll” (hat es “bis hier”) von der Presse und ihren “Quatsch”, und lehnt es ab namentlich erwähnt zu werden. Plötzlich erschien Schnute auf ihrem 10m² Betonweg, als wäre sie gerade vom Winterschlaf aufgewacht.

Der letzte Stadtbär

Schnute hielt ihre große Nase in die Luft, mit einer langsamen Bewegung, hat ihren etwas abgetragenen Pelz geschüttelt und angefangen, die Freifläche sehr langsam zu umkreisen und schnüffelnd und an den Bäume/ Sträuchern schnuppernd, anscheinend nach dem Sommerregen. An diesen Tagen, bei dieser Hitze bleibt sie größtenteils im Hause, hat mir die Pflegerin erzählt, zur großen Enttäuschung der Besucher. “Sie wollen sie sehen, aber wenn sie sie sehen, beklagen sie sich darüber wie schrecklich es ist einen einzelnen Bären alleine in Gefangenschaft leben zu lassen.” Bären sind von Natur aus Einzelgänger. 34 Jahre ist ein fast biblisches Alter für einen Bären – sie sterben gewöhnlich im Alter von zwanzig Jahren in der Gefangenschaft, und erreichen selten 10 in der Wildnis. Das Leben im Bärenzwinger im Köllnischen Park scheint kein schlechtes Leben zu sein. Der Pfleger hat Schnute mit einer 90-Jährigen Dame verglichen. “Würde die Euthanasie richtig sein nur weil sie alt ist?”, hat sie rhetorisch gefragt. Schnute ist zweifellos ein echtes Wunder in Gefangenschaft, und sie hat ein gutes Leben gelebt, um so zu sein. Geboren 1981 in einem kleinen Zoo im Osten.

In der Stadt Staßfurt geboren wurde Schnute (“Schmollmund”), genannt so durch die Stimme eines Berliner der in einer Zeitung einen Wettbewerb gewann. Schnute und ihr Bruder Taps sind die dritte Generation Bären im Bärenzwinger geworden, der seit 1939 geöffnet wurde. Bis 1989 hatte das Paar neun Jungtiere, die meisten kamen in Zoos; nur die Erstgeborene Tochter Maxi blieb bei ihnen im Bärenzwinger. Taps wurde 1990 ernstlich krank und verstarb. Ein neuer Bär männlichen Geschlechts, Tilo, wurde schnell der Liebling Besucher. 1991, nach der Wende sollte der Bärenzwinger geschlossen werden – der neue Direktor des Berliner Tierparks (im ehemaligen Ostberlin), der offizielle Eigentümer, konnte das notwendig geforderte Umstrukturieren nicht finanzieren. Aber die Berliner protestierten, haben Briefe an Politiker geschrieben und Zeitungen berichteten und sammelten Geld: Sie wollten ihre geliebten Bären behalten. Der Berliner Senat hat die Kosten übernommen und der Bärenzwinger wurde dem Bezirk Mitte 1993 übergeben.
1994 war die öffentliche Unterstützung groß, Schnute und Tilo hatten Drillinge – die nicht dort bleiben konnten.

Die besten Freunde der Bären

Im selben Jahr, am 10. November, gründete sich der gemeinnützige Verein Berliner Bärenfreunde e.V., er wurde mit der Absicht gegründet den Berliner Bär als das Wappen der Stadt – und damit auch die Bären im Bärenzwinger in Köllnischen Park von außen zu schützen. Sie haben die alte Tradition, wie die Bärengeburtstage und den Geburtstag der Stadt Berlin zu feiern wiederbelebt, viele Berliner und Gäste haben Früchte und Geschenke für die Bären gebracht, während die Presse, das Radio und das Fernsehen über das fröhliche Ereignis berichtet haben. Die Drillinge und Zwillinge sind nicht mehr hier und die Jahre sind vergangen, es ist eine “alte” Bärenfamilie, um Besucher zu unterhalten.

2007, war Tilo sehr krank und wurde eingeschläfert. Sein Tod hat ein Zeichen gesetzt um die Bären im Köllnischen Park weiterhin zu unterstützen. 2010 hat sich der Verein dafür entschieden die Geburtstage “in Anbetracht des Alters der Bären” nicht mehr zu feiern, sagt die Vorsitzende der Berliner Bärenfreunde e.V. Christa Junge. Aber gemäß Frau Junge, “wollen sie auch keine unnötigen Konflikte“ indem sie zu viel Aufmerksamkeit auf den Bärenzwinger lenken.
Die Tierrechtorganisationen kritisieren die Bärenhaltung seit Jahrzehnten, aber niemand war so beharrlich wie das Berliner Bärenbündnis (Berliner Bärenverbindung), gegründet im Oktober 2012 durch mehrere Tierschutzorganisationen unter der Devise “Freiheit für Maxi und Schnute”. Innerhalb ihres ersten Monats der Existenz, demonstrierten sie vor dem Bärenzwinger, zogen sich Bärenkostüme an, organsierten nationale Unterschriften, erstatteten Anzeige gegen offizielle Tierärzte und sammelten 23.000 Unterschriften für die Befreiung von Schnute und ihrer Tochter Maxi.

Am 20. November 2012 in der Morgendämmerung, kamen sechs Aktivisten aus dem Bärenbündnis – zogen sich Bärenkostümen an – und lehnten eine 10-Meter hohe Leiter an das Dach des Bärenhauses und kletterten aufs Dach. Zwanzig Minuten später, war jeder Journalist und Fotograf der Stadt dort. Nachricht vom Sprecher der Tierschützer, Stefan Klippstein, es war klar: Sie erreichten nicht den Bezirksstadtrat, der für den Bärenzwinger verantwortlich ist, sie haben ein neues Haus für Schnute und Maxi gefunden. Schließlich hat die Polizei zugegriffen. Ein Kran brachte die Tierschützer vom Dach. Das Bärenbündnis hat sich bereit erklärt, den Transport durch öffentliche Finanzierung zu übernehmen und die Bären zum Wildpark Johannismühle zu bringen, aber die Bären bleiben. Im August 2013 ist die Tochter von Schnute Maxi im Alter von 27 Jahren gestorben. Hunderte Leute sind mit Blumen zum Bärenzwinger gekommen, um den Verlust zu betrauern. Das Bezirksamt in Mitte hat gedacht, den Hinterbliebenen 32-Jährigen Bär umzusiedeln. Mutter und einsame Überlebende, aber schließlich wurde entschieden, den Bärenzwinger umzubauen und zu vergrößern.

Der Köllnische Park

Die entscheidende Neuerung: der Wassergraben, der die Freifläche umfließt, wurde mit einem Rindenmulch/ Sandgemisch gefüllt damit Schnute ringsherum auf in den letzten Tagen ihres Lebens mehr spazieren gehen kann. Der Teich wurde auch vergrößert, mehr Raum für Schnute, um zu baden. Die Kosten für den Umbau 2014 waren 21,000 €. Inzwischen ist Schnute der glückliche Mieter von einem 480-m²-Raum, weit über den Standard, der durch das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft festgelegt wurde, die 500 m² pro drei Bären verlangt. Sie erinnern sich an Knut? Sein Gehege im Zoologischen Garten war gerade 300 m² groß.

Der einsame „Kreuzritter“

Und bitte! Schnute ist noch lebendig und “lebt gut” in ihrem umgebauten Haus, gemäß offizieller Aussage von Carsten Spallek, Bezirks Stadtrat für Stadtentwicklung, am 9. April 2015: “Der Gesundheitszustand ist entsprechend dem Alter des Bären. Zeichen von Arthritis können gesehen werden an ihrer Gangart und sie wird durch einen Tierarzt seit Monaten kontrolliert.”

Jeder, einschließlich des Berliners Bärenbündnis weiß, es gibt keine Pläne für die zukünftige Wiederansiedlung von Bären nach Schnute, die Zeit ist abgelaufen.
Es gab einen Streit, ob sie eingeschläfert werden sollte. Der am meisten stimmliche Befürworter der Euthanasie – Stefan Klippstein, derselbe der im Bärenkostüm Protestierende, der bei Demonstrationen vom Bärenbündnis dabei war. Als ich Klippstein am Sonnenfreitagsmorgen am Bärenzwinger traf sagte er mir, dass er sich vom Bärenbündnis zurückgezogen hat, “weil sie nicht die Wahrheit sagen und sie haben Angst davor, ihr Image zu zerstören. Sie möchten Schnute auch „ewige Ruhe“ geben, sie sind aber erschrocken, es öffentlich auszudrücken.”

Klippstein – er hat einen Hintergrund als Tierpfleger – ist oft zitiert worden. Die Boulevardpresse reagiert auf ihn, sie hat schnell reagiert, wann immer sie eine gute Story über Tierrechtverletzungen witterten. Er behauptet, er hat die “Pelzmafia” in seinem Rücken, und dass er abgehalten wurde, bis zum Schwedischen Circus Krone zu gehen. Er verursachte einen Tumult, als er in die Gourmetabteilung des KaDeWe bekleidet mit einem Hummerkostüm ging, um gegen das Kochen der noch lebenden Schalentiere zu protestieren (das Warenhaus verkauft keinen frisch gekochten Hummer mehr). Zurzeit bereitet er sich vor, als verkleideter Bettler mit einem Hund durch die Straßen zu ziehen, um auf die Zustände in Rumänien und Bulgarien aufmerksam zu machen – auf ein Verbot hoffend, wie in den Städten München und Schwerin.

Hinsichtlich Schnute gibt es nichts mehr was er tun kann. Kurz nachdem er sich vom Bärenbündnis zurückgezogen hat, schrieb Klippstein eine Beschwerde an das Tierärztliche Büro Berlin-Mitte mit der Bewertung, dass Schnute so sehr leidet, dass sie sofort euthanasiert werden muss. “Die Monotonie und der kleine Raum, lassen Schnute durch die Bewegungen geistig abbauen.”, erklärt er. Das Bärenbündnis von Klippstein hat im April 2015 eine offizielle Pressemeldung herausgegeben, in der sie ihre Unzufriedenheit mit ihm betont. Sie empfehlen keine Euthanasie. “Sie haben Angst, als Bärenmörder gesehen zu werden, wie Carsten Spallek, er hat davor Angst”, erzählt Klippstein mir. “Der Stadtrat hat immer gesagt, dass alte Leute nicht das Altersheim verlassen können, aber diese ‚Vermenschlichung“ des Tieres ist genau das Problem.” Sonderbar genug für den Mann, der das Dach des Bärenzwingers bestiegen hat, der wie ein Bär denkt. Klippstein denkt, es sind die Euthanasiegegner, die Schnute anthropomorphising (vermenschlichen). “Es ist als wenn, ihre alte Katze krank wird. Wir wollen Schnute von ihrem Leiden erlösen. ”

Ich habe mich mit Klippstein und der Zoopflegerin getroffen.

Es war das erste Mal, dass ich zum Bärenzwinger gegangen bin, und es ist ebenso deprimierend mit dem Humanisieren von Schnute. Beide stimmen nicht gerade stark überein, wenn es dazu kommt über den Gesundheitszustand von Schnute zu reden und was man mit ihr tut. Persönlich habe ich keine Schwermut bemerkt oder Schmerz in den Augen des Bären. Sie schien zufrieden und glücklich mit den gegeben Verhältnissen. Aber was weiß ich?
Bevor wir den Bärenzwinger verlassen, blickt Klippstein überrascht auf sein Telefon. “Der Bär in meiner Heimatstadt ist gerade gestorben”, erklärt er. Freiburgs letzter Bär, ein 29-Jähriger genannt Joschi, wurde am selben Tag eingeschläfert. Schnute lebt bis zu Ihrem Lebensende in dem Berliner Bärenzwinger, auch diesen Sommer. Aber vor der Winterzeit könnte es den Bären im Köllnischen Park nicht mehr geben.

Berlin, 23. Juni 2015

Aus dem „EXBERLINER“ Magazin – Berlin in English since 2002

Zum Orginal-Artikel in englischer Sprache (dieser Artikel wurde zwischenzeitlich wegen des Todes von Schnute aktualisiert).

Mit freundlicher Genehmigung des „EXBERLINER“ Magazin