Berliner Bärenfreunde e.V.

Mittwoch, 19. Januar 2022

Die Verkehrssäule mit Berliner Bär Spandau 1937-1958

In Spandau existierte von 1937 bis 1958 ein einmaliges Objekt der Verkehrsgeschichte.

von: Rolf Zimmermann 

In der Tradition der Meilensteine entstand im Grimnitzseepark 1937 eine gemauerte Säule mit Keramikverkleidung zum Zwecke der modernen Tourismuswerbung. Die ca. 4 Meter hohe Säule wurde vom Kunstbildhauer Gottfried Kappen (1906 – 1981) aus Finkenkrug entworfen, der auch die farbenprächtigen Bildplattenkacheln herstellte.

Den Auftrag dazu erhielt er vom Inhaber der Veltener Firma „Ofenfabrik und Keramische Werkstätte A. Schmidt-Lehmann und Co.“ Herrn Otto Schmidt. In dieser Produktionsstätte, welche heute auch das „Ofen- und Keramikmuseum Velten“ beherbergt, wurden die 18 Bildplattenkacheln der Säule, die 3 Wappen, die Weltkugeln mit dem umschließenden Band mit den 12 Sternzeichen und die restlichen Verkleidungskacheln hergestellt.

Die Idee ein Tourismuswerbeobjekt an der damaligen Stadtgrenze von Berlin aufzustellen soll vom damaligen Museumsleiter aus Velten Herrn Peter stammen. In Herrn Tieck, dem hauptamtlichen Leiter des „Berliner Verkehrsverein e.V.“ Stützpunkt Spandau, Sitz Rathaus Zimmer 224 fand er einen interessierten und agilen Partner.

Im Frühjahr 1937 wurden alle Vorbereitungen, Planungen, Absprachen mit dem Kunstbildhauer Kappen und natürlich mit Herrn Schmidt. durchgeführt und beendet. Alles war vorbereitet, der Künstler Kappen hatte ein Modell der Säule hergestellt, der Standort in der Nähe der Einmündung der Pichelsdorfer Straße zur Heerstraße war geklärt, die Stadtobrigkeit von Spandau war begeistert und der Bürgermeister ließ sich regelmäßig über den Sachstand berichten.

Die Zielstellung – Tourismuswerbung für Spandau und das Havelland war für alle Beteiligten die klar ersichtliche Motivation. Nur die Finanzierung war noch nicht geklärt. Herr Tieck wurde im Frühjahr 1937 sehr aktiv in der Sponsorensuche für die Säule. Es gelang ihm aber nicht in den Kreisen der Spandauer Unternehmen, Vermögenden und staatlichen Einrichtungen finanzielle Unterstützung zu finden. Aus diesem Grunde reiste er mehrfach nach Velten, um mit Herrn Schmidt die Vollendung dieser Werbeaktion zu besprechen und anschließend seinem Bürgermeister Bericht zu erstatten.

Im Mai 1937 erklärte dann Herr Schmidt offiziell, dass er die gesamte Finanzierung übernimmt und die Keramische Verkehrssäule nach der Fertigstellung dem „Berliner Verkehrsverein e.V.“ schenken wird. Damit war die Finanzierung geklärt und das Objekt konnte vollendet werden. Die Bauausführung der Säule führte die Firma „Hermann Puttlitz, Inhaber Emil Ende, Berlin 31, Brunnenstraße 135“ durch. Dies geschah in einer sehr guten Qualität und in kurzer Zeit. Die architektonische Gestaltung erfolgte durch das Hochbauamt Spandau und die Umfeldgestaltung der Säule durch das Tiefbauamt Spandau.

Interessant ist, dass die Abrechung der Umfeldgestaltung zur Verkehrssäule geringer wie der Kostenvoranschlag dazu ausfiel. Für heutige Zeiten ein positives Beispiel. Zur weiteren Umfeldgestaltung wurde das Gartenamt Spandau bestimmt. Pünktlich zur geplanten Einweihung am 01.06.1937 waren alle Arbeiten beendet.

Herr Tieck erarbeitete für die Presse ( offensichtlich 1937 nur Herren und keine Damen in diesem Beruf ) eine Pressemitteilung, die in den folgenden Tagen und Wochen die Grundlage für eine sehr weit verbreitete Berichterstattung über dieses Ereignis im gesamten damaligen Reichsgebiet bildete.

Die Einweihung der „Keramischen Verkehrssäule Spandau“ erfolgte dann am 01.06.1937 vor Ort und anschließend mit einem Umtrunk und Festakt im Ratskeller Spandau mit ca. 40 geladenen Gästen. Aus der Einladungsliste zu diesem Akt ist zu ersehen, dass mehrere Personen eingeladen wurden, welche als Sponsoren abgelehnt hatten. Der Sponsor Herr Schmidt hatte sich Folgeaufträge für gleiche, fast gleiche oder ähnliche Objekte zur Verkehrswerbung in Berlin erhofft, die aber in der Folgezeit nicht erfolgten. Die Verkehrssäule hat einen gemauerten Korpus (voll gemauert, ohne Hohlräume) ist sechseckig und war vollständig mit Kacheln verkleidet.

Die Säule war mit 18 farbenprächtigen plastischen Bildplattenkacheln in der Größe 50 X 30 cm versehen. Diese Kacheln zeigten Motive aus dem Havelland und der Geschichte Spandaus.

Zwischen den in 3 Ebenen angebrachten Kacheln waren umlaufend zwei Spruchbänder eingearbeitet:

  • Obere Schrift:“ BESUCHT SPANDAU – AUSKUNFT VERKERHRSVEREIN SPANDAU RATHAUS“
  • Untere Schrift:“ GESTIFTET U.AUSGEFÜHRT VON DER OFENFABRIK U. KERAMISCHEM WERKSTÄTTEN A. SCHIDT-LEHMANN U.CO.INH.OTTO SCHMIDT IN VELTEN.“

An der Bekrönung der Säule waren 3 Wappen angebracht:

  • Das Stadtwappen von Spandau.
  • Das Stadtwappen von Velten.
  • Das Wappen des „Berliner Verkehrsverein e.V.“ ( ein Berliner Bär).

Den Abschluss der Säule bildete eine Erdkugel (70 cm Durchmesser)in der Farbe Gelb mit einem umlaufenden blauen Band mit den 12 Sternzeichen. Diese Kugel galt 1937 als Meisterleistung der Keramikherstellung. Sie wurde in einem Stück aus ca. 2 qm Ton hergestellt und war „kugelrund“ ohne Fehler. Um die Säule wurde 1937 eine Grünanlage angelegt. Die sechseckige Form wurde übernommen, es wurden Sitzbänke aufgestellt und entsprechende Hecken angepflanzt und gepflegt. Dieses einmalige und einzigartige Denkmal der Verkehrswerbung in Berlin wurde in den folgenden Jahren in allen Fremdenführern, Denkmallisten und Aufzählungen von Sehenswürdigkeiten in Berlin verewigt.
Es wurde zu einem echten Objekt der Berliner Tourismuswerbung.

Im Ergebnis der Kriegshandlungen 1944 und 1945 wurde die Säule durch Splitter und offensichtlich Einschüsse beschädigt. Im Grundbestand hatte sie aber nur geringen Schaden genommen. Die statische Festigkeit war sehr gut, alle Bildplattenkacheln und die Erdkugelwaren vorhanden und unterschiedlich beschädigt. Von der Säule ging im baulichen Sinne niemals eine Gefahr aus.

Beginnend ab 1957 wurde in der Presse und im Bezirksamt Spandau heftig über die Zukunft der Säule bzw. über den Umgang mit ihr gestritten. Innerhalb des Bezirksamtes wurden mehrere Gremien bemüht über die Zukunft der Säule zu entscheiden. Der erste Antrag zum Abriss erfolgte in der Bezirksverordnetenversammlung am 18.04.1957. Das angeforderte und erstellte baupolizeiliche Gutachten dazu dokumentierte den guten baulichen Zustand und den Fakt, dass von der Säule keine Gefahr ausgeht. 1957 wurde ein Kostenvoranschlag zur Reparatur der Säule für 5000.-DM erarbeitet. Im Frühjahr 1958 wurden die Sitzbänke um die Säule erneuert. Im Februar 1958 wurde erstmals im Bezirksamt der Abriss der Säule beschlossen. In diesem Beschluss wurde auch vermerkt, dass die Keramikplatten und die Kugel geborgen werden sollen und im Heimatmuseum eingelagert werden sollen. Gleichzeitig wurde ein künstlerischer Wettbewerb ausgelobt, um an die alte Stelle eine neue Säule als modernes Kunstwerk zu errichten. Drei Vorschläge wurden in die engere Wahl gezogen, aber niemals verwirklicht.

Aus einem Protokollauszug vom April 1958 ist ersichtlich „ praktisch ist die Säule nicht mehr vorhanden“. Da die Diskussion um die Säule noch sehr aktiv war wurde am 07.07.1958 im Bezirksamt wieder der Beschluss gefasst: “Die Keramiksäule an der Heerstraße Ecke Pichelsdorfer Straße soll nunmehr abgetragen werden. Das brauchbare Material ist zu verwahren.“ Zu diesem Zeitpunkt existierte die Säule schon 3 Monate nicht mehr. Es wurden Fakten geschaffen.

Welche Teile der Verkehrssäule geborgen und eingelagert wurden ist kaum dokumentiert und völlig offen. Aus der Presse ist 1963 zu entnehmen, dass die Kugel und zwei heile Kacheln im Stadtarchiv in Spandau vorhanden seien. In einem Vermerk des Museum Spandau vom 06.8.1980 zur Suche nach diesen Teilen ist vermerkt, dass 2 Kacheln vorhanden sind. Die Kugel wird schon nicht mehr erwähnt. Die Nachforschungen zum Wiederaufbau der Verkehrssäule seit 2011 erbrachten bisher folgendes Ergebnis.
Im Archiv des Stadtmuseums Spandau lagern 5 Originalplatten und zwei Verkleidungskacheln. Die Kugel ist nicht vorhanden. Im Ofen und Keramikmuseum Velten befinden sich eine Originalkachel und 3 Abgüsse von Originalkacheln.

Die Keramische Verkehrssäule Spandau, als “Nachfolger“ und in der Tradition der Meilensteine steht beim Autor seit 2002 im Fokus. Seit 2012 wurden intensive Forschungen zu diesem Objekt durchgeführt, um solide aussagekräftige Fakten für einen Wiederaufbau zur Verfügung stellen zu können. Diese Informationen sind nun vorhanden.
Die Künstlergruppe „Collage e.V.“ aus Berlin Friedrichshagen hat nach alten Fotos zu 15 Bildplattenkacheln Bilder gemalt, welche als Vorlagen zur Herstellung der Kacheln dienen können und sollen. Um einen optischen Eindruck von Säule zu haben wurden zwei Holzmodelle angefertigt. Eines dieser Modelle kann im Rathaus in Spandau betrachtet werden, gemeinsam mit weiteren Fotos zum Objekt. Gemeinsam mit vielen Mitstreitern aus Spandau, Velten, dem Havelland und aus Berlin werden gegenwärtig die Vorbereitungen zum Wiederaufbau dieses Denkmals durchgeführt.

Die Forschungsgruppe Meilensteine e.V. ist dabei durch den Autor an führender Stelle vertreten. Zur Umsetzung dieses Vorhabens ist natürlich eine solide Finanzierung notwendig. Auch daran wird gegenwärtig gearbeitet und wir freuen uns über jeden Sponsor.

Ich hoffe, wir sehen uns bald im Grimnitzseepark in Spandau an der Verkehrssäule.

Rolf Zimmermann
Berlin-Vehlefanz, 19.07.2013