Berliner Bärenfreunde e.V.

Sonntag, 05. Dezember 2021

Rettung des Berliner Bären in Santiago de Chile – Teil II

Wie der Bär nach Chile kam

In Santiago de Chile gab es um 1970 mehrere deutsche Einrichtungen, welche alle an der Straßenkreuzung Manquehue und Avenue Kennedy lagen:
die deutsche Klinik, die deutsche Schule von Santiago, die deutsche Seniorenresidenz, sowie die lutherische Kirche.

Infolge des rasanten Wachstums der Stadt, der bis heute anhält, mussten die Straßenkreuzungen dem ansteigenden Straßenverkehr angepasst werden, so auch die o. g. Kreuzung. Sie wurde als ebenerdiges Kleeblatt ausgeführt.

Der deutsch-chilenische Bund, eine Vereinigung von Geschäftsleuten, Ärzten, Politikern und auch geistlichen Würdenträgern, hat zum Ziel, die Beziehungen zu Deutschland aufrechtzuerhalten, zu vertiefen und die deutsche Kultur in Chile am Leben zu halten. In diesem Zusammenhang gab es seitens des deutsch-chilenischen Bundes das Bestreben, die vier durch den Umbau der Straßenkreuzung entstehenden „Kleeblätter“ nach deutschen Städten zu benennen. Sie sollten zum äußeren Zeichen mit Skulpturen versehen werden, die einen Bezug zu Deutschland oder zu den Pionieren der deutschen Besiedlung in Chile herstellen. Namen wie Humboldt, Philippi, Pérez Rosales und Carlos Anwandter seien hier genannt.

In diesem Bestreben nahm Prof. Dr. med. Max Müller, Vorsitzender des deutsch-chilenischen Bundes, Kontakt auf zu seinem Kollegen Professor Hans Martin in Berlin. Dank seiner Unterstützung konnte dieser, mit ihm gemeinsam beim Senat von West-Berlin erreichen, dass eine Kopie der von dem Künstler Hildebert Kliem geschaffenen Skulptur des Berliner Bären an die Stadt Santiago de Chile geschenkt wurde.

Bei der Stadtverwaltung von Las Condes, dem Verwaltungsbezirk Santiagos, auf dessen Gebiet die besagte Straßenkreuzung liegt, wurde durchgesetzt, dass eine Namensgebung erfolgte. Nicht alle vier Plätze wurden benannt, aber zumindest wurde das Kleeblatt an sich benannt und zwar insgesamt zum „Plaza de Berlin“. Dort wurde der Bär dann auf einem ca. 1,20 m hohen steinernen Sockel an der Nord-Ost-Ecke aufgestellt. Es war ursprünglich auch beabsichtigt, auf dem Sockel die Entfernung zur Stadtmitte von Berlin anzugeben, dieses ist aber leider nie realisiert worden.

Am 26. August 1972 wurde der Bär dann feierlich der Stadt Santiago de Chile übergeben. Davon zeugt noch heute die schriftlich vorliegende Rede des Prof. Dr. Max Müller. Zu der Einweihung erschienen waren Herr Dr. Lothar Hahn, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Herr Ramon Luco, der Bürgermeister der Verwaltung Las Condes die Ratsherren der Stadt, die Lehrer und Schüler der Deutschen Schule, sowie die Mitglieder der 15ten deutschen Feuerwehrkompanie zu Santiago. In seiner Rede betont Professor Müller, dass der deutsch-chilenische Bund einmal mehr seine wesentliche Mission erfüllt hatte, die deutsche Kultur zu fördern und die Beziehungen zwischen Deutschland und Chile zu stärken.

Er bekräftigte die Absicht des deutsch-chilenischen Bundes, die restlichen Flächen mit den Büsten des Berliners von Humboldt, den Pionieren der deutschen Kolonisierung Philipi, Pérez Rosales und Carlos Anwandter zu vervollständigen. Aber auch das ist nie geschehen, so blieb der Berliner Bär das einzige Symbol Berlins auf dem „Plaza de Berlin“.
In seiner Rede beschreibt Prof. Müller die Entstehung Berlins, den freiheitlichen Geist seiner Bevölkerung, sowie die besonderen Persönlichkeiten, die hier wirkten, sowie ausgewählte Bauwerke und Leistungen.

Er zitiert den Diplomaten Prof. Salvador Madariaga: „Berlin ist heute die geistige Hauptstadt der freien Welt gegenüber der versklavten Welt. Die Hauptstadt der freien Welt liegt auf versklavtem Territorium. Wie die freie Welt durch die hartnäckige Weltmacht des Kommunismus belagert ist, so leidet Berlin unter der ständigen Belagerung durch den Feind der Gattung Mensch.“ Er zitiert weiter den Peruaner Luis Alberto Sánchez: „Berlin ist eine Flagge, nicht eine Stadt, ein Anfang wie ein geographischer Punkt, ein Symbol, nicht eine einfache Tatsache.“

Ferner geht er auf die Aussagen des Spaniers Prof. Americo Castro ein: Für ihn ist Berlin Glaube an die Gültigkeit der internationalen Verträge, die in Freiheit bestimmt und unterschrieben wurden. Berlin ist Bestreben nach einem Leben ohne Angst, Bestrebung, das es ein unbekanntes Verbrechen sei, zu reden, zu schreiben, sich zu bewegen und zu arbeiten in der Form wie es jeden einzelnen interessiert. Berlin ist Ablehnung der bestialischen und unfähigen Form der Deutschen Regierung zwischen 1933 und 1945 und von jedem diktatorischen System. Berlin ist Hoffnung, dass eines Tages die zivilisierten Völker, nicht die ertragen müssen, derer Legitimität sich auf die Macht zu knebeln, zu foltern und umzubringen gründet. Eine Macht, verflochten mit falschen und betrügerischen Weltanschauungen über den Mensch und die Geschichte. Berlin ist Sicherheit, dass Dank des Geistes derer, die im freien Berlin fest bleiben und derer, die wie sie fühlen, unsere Welt Tage kennenlernen wird, die besser sind und würdiger, gelebt zu werden. Prof. Müller schließt seine Rede mit den Worten: „Dies ist die Bedeutung von Berlin und von diesem Platz, der unsere Gemeinde und unseren demokratischen Geist schmücken wird. Machen wir uns zu eigen die Sehnsüchte von Johannes XXIII: Wir wünschen, dass Berlin sein Leben strukturieren und sich in Freiheit und Recht organisieren kann.“

Später wurde die Kreuzung erneut umgebaut in ein höhenunterschiedliches Straßenkleeblatt. Dadurch befand sich der Standort des Bären nun an einem nahezu unzugänglichen Ort, umgeben von z. T. dichter Vegetation und im Wesentlichen unbeachtet.

Bei den 2012 beginnenden Arbeiten zu einer weiteren Vergrößerung der Kreuzung kam es irgendwann zu dem Zusammenstoß eines Baufahrzeuges mit der Säule des Bären, welches ihn von seinem Standort stürzte. Der Rest steht in meinem ersten Teil der Geschichte der Rettung des Berliner Bären in Santiago de Chile.

Helge Weber
Brandamtsrat der Berliner Feuerwehr

Bilder und Text © Helge Weber, Brandamtsrat der Berliner Feuerwehr