Berliner Bärenfreunde e.V.

Dienstag, 17. Mai 2022

„Into the drift and sway“

Die neueste Ausstellung im Berliner Bärenzwinger heißt „Into the drift and sway“ (in das Treibenlassen und wiegen). Sie bezieht sich auf den Bärenzwinger direkt als Ort eines ständigen Wandelns. Sie wurde am zweiten Dezember 2021 eröffnet.

Christa Junge und ich waren am 15. Dezember 2021 zu einer Führung durch die Ausstellung, in kleinem Rahmen, angemeldet. Wir hatten uns online Tickets gebucht.

Malte Pieper und Lusin Reinsch führten die Besuchergruppe durch den Abend. Der Ort wurde von 1901-1938 als Straßenreinigungsdepot und öffentlicher Bedürfnisanstalt gebaut. Die Nähe zum Park, das nahe gelegene Spreeufer
und Spuren homosexueller Lokale auf der Wall- und Inselstraße in der Nachbarschaft, verweisen auf eine Vergangenheit des Geländes als Cruising Area. Denn bereits um 1900 sind öffentliche Toiletten als anonyme Treffpunkte für Homosexuelle bekannt.
Recherchen ergaben, das ab 1920 regelmäßig die „Gemeinschaft der Eigenen“ einen homosexuellen Männerclub, im benachbarten Marinehaus tagte.

Ludwig Hoffmann, der Architekt des Straßenreinigungdepot, baute auch den Märchenbrunnen. Auch dieser Ort wurde zu DDR-Zeiten zu einem der beliebtesten Cruising-Orte im ehemaligen Ost-Berlin. Einer der Gründungsmitglieder der
Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (welcher sich in der DDR für die Rechte von Homosexuellen einsetzte) arbeitete in den 1970er Jahren als Tierpfleger im Bärenzwinger. Einige der Treffen der Gründungsmitglieder fanden im Dienstzimmer des Bärenzwingers statt.

Ausgehend von diesen historischen Konstellationen spürt die aktuelle Ausstellung queere Geschichten nach.
Constantin Hartenstein setzt sich mit der komplexen Geschichte der Klappen (öffentliche Toiletten und Bedürfnisanstalten) auseinander, die bis heute Orte queeren Verlangens und Cruising sind. Die direkte Abformung einer modularen Einheit des sogenannten „Café Achteck“ (einer öffentlichen Toilette im Berliner Stadtraum)
verbindet die geschichtlichen Bezüge mit der Gegenwart.

Lindsay Lawson verwandelt die aggressiven, architektonischen Elemente der Gräben um den Bärenzwinger herum durch Ornament und Dekoration in klingende Elemente und in ein Instrument, das ein improvisiertes Lied für zwei Stimmen spielt. Das subtile und ferne klingen der schwingenden Metallstäbe im Wind lässt Eindrücke von Nähe und Ferne, Gegenwart und Vergangenheit vermischen. Ihr Klang scheint vonweit her zu kommen, obwohl sie uns sehr nah sind. Auf akustischer Ebene wird so der Ausstellungstitel interpretiert und das Bild von Körpern in Bewegung aufgenommen, die schwanken, umherstreifen und sich treiben lassen.

Es ist ein etwas sehr inspirierendes Ausstellungskonzept. Völlig neu und doch so alt.

Die Ausstellung geht vom 02.12.2021 – 20.02.2022.

Sigrid Schuldt

Christa Joo Hyun D’Angelo ist eine amerikanische Künstlerin und lebt in Berlin. Im Zentrum von D’Angelos Arbeit steht die Auseinandersetzung mit Angst, Verletzlichkeit und dem, was dabei unsichtbar bleibt. Sie arbeitet mit Video, Neon, Installation und Skulptur und nimmt Bezug auf Diskurse wie die Folgen des Kolonialismus, Rassismus in Deutschland, Stigmatisierung von HIV-Infizierten Women of Color, Adoption zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe und häusliche Gewalt. Dabei navigiert D’Angelo durch prekäre Verhältnisse und versucht eine neue Definition von dem, was als normal gilt, während sie gleichzeitig Unterschiede als Quelle der Inspiration und der Ermächtigung begreift, um neue Wege der Akzeptanz und letztlich der Heilung zu entdecken. Sie hat bei der Screen City Biennale, dem Arsenal Institute for Film and Video Art, dem Kunstraum Bethanien, dem Taiwan Digital Arts Center und dem Goethe-Institut ausgestellt und wird demnächst im Kunstmuseum Wolfsburg, der Villa Merkel und dem SOMA Artspace zu sehen sein. Ihre Arbeiten wurden in Artforum, Elephant Magazine, The New York Times und GalleryTalk besprochen und sind in der Bundeskunstsammlung für zeitgenössische Kunst der Bundesrepublik Deutschland vertreten. D’Angelo hat Sets für Fever Ray und King Kong Magazine entworfen.

Constantin Hartenstein ist ein deutscher Künstler, der in Berlin lebt und arbeitet. Er studierte an der UdK Berlin und an der HBK Braunschweig als Meisterschüler von Prof. Candice Breitz. 2011 war er als Filmproduzent des Deutschen Pavilions der Kunstbiennale von Venedig tätig. Seit 2019 ist Hartenstein künstlerischer Mitarbeiter am Filminstitut der UdK Berlin. Er erhielt Förderungen und Preise von u.a. Akademie der Künste, Stiftung Kunstfonds, Kunststiftung NRW, VISIO European Program on Artists‘ Moving Images, Institut für Auslandsbeziehungen (Künstlerkontakte) und Karl Hofer Gesellschaft.

Hartenstein nahm an Artist in Residency Programmen teil wie Triangle Arts Association New York, Calle Mayor 54, Grand Central Art Center Santa Ana, Flux Factory New York und Künstlerdorf Schöppingen. Seine Arbeiten sind Teil privater und öffentlicher Sammlungen und werden in internationalen Institutionen präsentiert.
Neueste Ausstellungen umfassen Studio Berlin (Sammlung Boros/Berghain), Kunstverein Dresden, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, Kunstraum Kreuzberg Bethanien, Galerie im Turm Berlin, Neuer Aachener Kunstverein, WRO Media Art Biennale Wroclaw, Berlinische Galerie, Anthology Film Archives New York, Goethe Institute Peking, Spring/Break Art Fair New York, Museum of the Moving Image New York, Times Museum Guangzhou, Kunstmuseum Bonn, Bundeskunsthalle Bonn, German Consulate New York, Goethe Institut New York und transmediale Berlin.

Die in den Vereinigten Staaten geborene und in Berlin lebende Lindsay Lawson erhielt ihren BFA in Bildhauerei von der Virginia Commonwealth University, ihren MFA in New Genres von der UCLA und besuchte die Städelschule in Frankfurt am Main in der Klasse von Judith Hopf. Lawson arbeitet mit einem breiten Spektrum an bildhauerischen Medien, darunter Keramik, Brunnen, Lampen und 3D-Druck, aber auch mit Film, Video und digitalen Renderings.
In ihrer Praxis beschäftigt sie sich häufig mit der Präsenz und Wirkung von Objekten in virtuellen und physischen Räumen. Zahlreiche Arbeiten untersuchen Zustände der Verliebtheit in virtuelle Persönlichkeiten und virtuelle wie physische Objekte.
Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt, u. a. in der Galerie Efremidis, Berlin, in der Herald St., London, bei LAXART, Los Angeles, in der Yossi Milo Gallery, New York, im Centre Pompidou, Paris, auf der 9. Berlin Biennale, in der Galerie Frutta, Rom, im Kunstverein Leipzig, bei Piktogram, Warschau, im Trafo Contemporary Art Center, Budapest, und im TEA Museum, Teneriffa. Im Januar 2022 wird Lawson in der Galerie Efremidis in Berlin eine Einzelausstellung mit einer neuen Serie von Gemälden sowie Skulpturen und einer Brunneninstallation präsentieren.

Lotte Meret (*1985, Berlin / Deutschland) analysiert die Auswirkungen der digitalen Medien auf unsere Identität. In ihrer Praxis artikuliert sie den Einfluss von Technologien und digitalen Medien auf Körpererfahrungen und Körperwissen. In diesem Kontext – zwischen körperlicher Erfahrung, politischem Handeln und digitalen Welten – schafft Lotte Meret neue Erzählformate und entwickelt hybride Skulpturen und Installationen. Sie war Artist-in-Residence an der Van Eyck Academy in Maastricht und wurde in das Emerging Artists Program des Bundesverbandes Kurzfilm aufgenommen.
Ihre Arbeiten wurden unter anderem in OCT_LOFT, Shenzhen; EIGEN+ART Gallery, Leipzig, NRW Forum, Düsseldorf; Goethe-Institut, Peking; Kunsthal Rotterdam; Kunstverein Leipzig; Nottingham Contemporary; Kunstmuseum Bonn; Kunsthalle Basel; ZKM, Karlsruhe; Kunsthalle Baden-Baden gezeigt. In kollektiven Strukturen hat sie die Publikation ‚Body of Work‘ und die Platte ‚Don’t DJ – Authentic Exoticism‘ veröffentlicht. Mit dem interdisziplinären Label SEXES ist sie an Installationen und Musikveranstaltungen für Clubs und Festivals beteiligt. Ihre Arbeiten sind in internationalen Sammlungen wie dem Lafayette Anticipation, dem Fonds de dotation Famille Moulin in Paris und dem Kunstkredit, Kanton Basel-Stadt, vertreten.

Lucas Odahara, geboren in São Paulo, lebt und arbeitet in Berlin. Odahara erforscht die komplexen Beziehungen zwischen Körper, Raum und Erinnerung und arbeitet mit verschiedenen Medien, wobei Installationen von oft architektonischem Maß entstehen, in denen persönliches und äußerliches Bild- und Textmaterial aufgerufen und als vielgestaltige Szenerien neu komponiert werden. Odahara begreift die Materialien, denen er begegnet, als offene Verhandlungen einer Gegenwart, die niemals vollständig ist. Dabei greift er häufig auf das Format der bemalten Keramikfliesen zurück. Indem er eine Technik verwendet, die historisch zur Darstellung kolonialer Narrative gedient hat, begrüßt er in seiner Arbeit die Modularität dieses Formats als Werkzeug für seine Neuinterpretation.
Er hat einen Bachelor-Abschluss in Produktdesign von der Staatlichen Universität São Paulo und einen Master-Abschluss in Kunst von der Hochschule für Künste in Bremen. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen in Europa sowie in Südafrika und Pakistan gezeigt. Derzeit ist er Stipendiat des Kunstfonds Bonn.

Emma Wolf-Haugh ist eine bildende Künstlerin, Pädagogin und Autorin, die in Dublin und Berlin lebt und international arbeitet. Emma Wolf-Haughs Arbeit ist von ökonomischen Notwendigkeiten geprägt. Sie beschäftigt sich mit Formen des Recyclings, des Trödels und der Ephemera, die zu weicher Modularität, wildem Archivieren und performativer Intervention führen und Fragen zu Wert, Wertschöpfung und Autorinnenschaft aufwerfen. Emma sieht eine ausgeprägte Kultur des Sparens und Trödels als Teil einer Tradition der queeren Arbeiterinnenklasse und einer Ethik, die leicht und geschickt mit Einschränkungen arbeitet. Ihre pädagogische und publizistische Arbeit stellt die Vorstellungskraft als politisches Werkzeug mit radikalem Potenzial dar, das überall und jederzeit existieren und ausbrechen kann. Die Arbeit ist oft kollaborativ und schafft Formen temporärer Kollektivität, die auf die erotischen und energetischen Möglichkeiten kurzerBegegnungen abzielen. Emmas Arbeit umfasst viele verschiedene Orte, Räume und Beziehungen, darunter Ausstellungen, Performance, Film, Publikationen, Schreiben, disruptive Pädagogik, Freundschaft und Solidarität – Elemente, die in langfristigen Projekten oft ineinander übergehen.
Emma hat seit 2014 eine Trilogie von Arbeiten entwickelt, die sich mit Sexualität und Raum beschäftigen. The Re-appropriation of Sensuality, Sex in Public und Domestic Optimism wurden in verschiedenen Versionen ausgestellt in: The Project Arts Centre Dublin, Grazer Kunstverein Graz, NCAD Gallery Dublin, Dundee Contemporary Arts Dundee, District Berlin, Den Frie Center Of Contemporary Art Copenhagen, The Galway Arts Centre, nGbK Berlin, Scriptings Berlin, Archive Kabinet Berlin, Survival Kit Festival Riga und anderen Orten.
Emma ist Mitbegründerin von The Many Headed-Hydra (TMHH), einem aquatisch-dekolonisierenden Kollektiv, das seit 2015 an langfristigen kritischen und vielstimmigen Projekten über die Meere hinweg arbeitet, die Pakistan, Sri Lanka, Island, Deutschland, Irland, Litauen und darüber hinaus verbinden.