Berliner Bärenfreunde e.V.

Dienstag, 11. Dezember 2018

Meilensteine deutscher Geschichte – Zwischen Rhein und Saar

Berlin-Gedenksteine in pfälzischen Orten sind fast in Vergessenheit geraten – Zeichen der Verbundenheit

Aus: Evangelischer Kirchenbote 12/2014, Seite 21

Neustadt, Frankenthal und Ludwigshafen haben einen, Kaiserslautern und Landau auch, Speyer hat sogar drei: Berliner Bären oder Berliner Meilensteine mit einem Bärenmotiv und der Kilometerangabe bis nach Berlin, die zwischen 1953 und 1989 deutschlandweit als Zeichen der Verbundenheit mit der geteilten Stadt gesetzt wurden.

Doch seit dem Fall der Mauer, der Deutschen Einheit und dem Umzug der Regierung nach Berlin sind die Steine und Bärenskulpturen zunehmend in Vergessenheit geraten, mancherorts sogar ganz verschwunden, ohne dass dieses dokumentiert wurde. Der Verein der Berliner Bärenfreunde hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Berlin-Gedenksteine deutschland- und weltweit aufzuspüren, ihre Geschichte zu recherchieren und dafür zu sorgen, dass sie unter Denkmalschutz gestellt werden. „Es ist so wichtig, die Berliner Meilensteine und Berliner Bären nicht dem Vergessen zu überlassen. Sie sind lebendige Geschichte vor unserer Tür“, erklärt Christa Junge von dem Berliner Verein. Die Kleindenkmale der Solidarität mit Berlin aus der Ära des Kalten Krieges dürften nicht sang- und klanglos untergehen. Seit 2008 sind die Bärenfreunde daher auf Spurensuche und konnten schon über 200 Standorte von Sylt bis Konstanz ausfindig machen.

Auch in der Pfalz ist das Berliner Wappentier noch zu finden. In Neustadt steht seit 1965 ein Bärenstein am Bahnhofsvorplatz. Zusätzlich zum Bären und der Inschrift „Berlin“ sind auf der Seite noch zwei verschlungene Ringe zu finden – Symbol für die unlösbare Verbindung zwischen Berlin und Neustadt und Ausdruck des Wunsches der Wiedervereinigung. Der Pfälzer Bildhauer Otto Rumpf gestaltete den 1,50 Meter hohen Meilenstein, der am 26. September 1965 im Beisein des Bezirksbürgermeisters Heinz Höfer aus Berlin-Steglitz eingeweiht wurde.

Den 17. Juni 1958 suchten sich die Speyerer aus, um ihren Berlin-Gedenkstein zu enthüllen. Wie wichtig diese Solidaritätsbekundungen mit der Inselstadt damals waren, unterstreicht die Anwesenheit des damaligen Ministerpräsidenten Peter Altmeier. Der rote Vierkant-Sandstein fand vor dem Dom seinen Platz. „Über den Bärenbrunnen am Berliner Platz und den zweiten Speyerer Bärenstein vor der Stadthalle in der Schützenstraße fehlen uns noch Informationen“, sagt Christa Junge.

Der Ludwigshafener Bärenstein steht seit der Neugestaltung des Berliner Platzes 1991 im dortigen Platanenhain. Vor der Fertigstellung des Areals war der 1,50 Meter hohe Stein am 27. August 1965 im Norden der Stadt, am Autobahnzubringer in Edigheim, aufgestellt worden.

Die Frankenthaler Stadtverwaltung stand zunächst einmal vor einem Rätsel, als sich die Berliner Bärenfreunde bei ihr nach dem Meilenstein im Norden der Stadt an der Zufahrt zur Autobahn erkundigten. Mittlerweile weiß man, dass der behauene Sandstein am 17. Juni 1964 aufgestellt und vom Frankenthaler Bildhauer Georg Schubert (1899 bis 1968) gestaltet wurde. Auftraggeber war die Stadt, um ein Zeichen für die Hauptstadt und gegen die deutsche Teilung zu setzen.

Wie diese Beispiele bereits verdeutlichen, sind die Bärensteine durchaus unterschiedlich. „Es gibt genormte und individuelle Steine, mal aus Sandstein oder auch aus Beton, die Bärenmotive variieren ebenfalls“, weiß Christa Junge. Aber eines haben sie alle gemeinsam: „Der Berliner Bär muss immer nach links laufen, sonst ist es kein Berliner Bär“, so die Bärenfreundin. Das ursprüngliche Motive, ein niedlich und verspielt wirkender junger Bär, auf den Hinterbeinen stehend und die Nase frech in die Höhe gestreckt, stammt von der Berliner Künstlerin Renée Sintenis (1888 bis 1965). Der stilisierte Bär soll das Berliner Stadtwappen symbolisieren. Die Steine mit Sintenis Bären wurden meist von der Dyckerhoff Portland- Zementwerke AG Wiesbaden hergestellt und vom Berliner Senat kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Kilometerangaben auf den Meilensteinen geben die Entfernung zu dem preußischen „Null-Meilenstein“ an, der seit 1730 auf dem ehemaligen Berliner Dönhoffplatz stand. Als der „Palast der Republik“ erbaut wurde, musste der historische Referenzpunkt weichen. Als Ersatz errichtete man 1979 eine Kopie des Meilensteins in der Nähe der Spittel-Kolonnaden an der Leipziger Straße.

Die Initiative zu dem Solidaritäts- und Erinnerungszeichen geht auf den CDUPolitiker und Hamburger Verleger Gerd Bucerius zurück, der damals der Bundesbeauftragte für die Förderung der Berliner Wirtschaft war. „1953 hatte Gerd Bucerius die Idee, alle 100 Kilometer auf den Autobahnen Kilometersteine

Kilometersteine mit dem von Renée Sintenis gestalteten Bärenmotiv mit Kilometerangabe aufzustellen“, erzählt Christa Junge. Der Bund der Berliner und Freunde Berlins griff Bucerius’ Idee auf und setzte sich dafür ein, dass die Solidaritätsund Erinnerungszeichen auch in vielen Städten der Bundesrepublik aufgestellt wurden. Was die Kommunen schon damals gefreut und den Entschluss für einen Bärenstein erleichtert haben dürfte: Die Steine wurden aus Bundesmitteln finanziert und den Städten kostenfrei zur Verfügung gestellt. Lediglich die Aufstellkosten mussten die Kommunen, an den Autobahnen die Länder, tragen.

Wie wichtig die Gedenksteine von den Zeitzeugen genommen wurden, verdeutlicht die Einweihung des ersten Meilensteins im Januar 1954 an der Autobahn Köln – Frankfurt, etwa 25 Kilometer von Bonn entfernt. An der Feierstunde nahm damals neben vielen anderen Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft auch Bundespräsident Theodor Heuss teil. Kein anderer Ort außer Berlin könne Deutschlands Kapitale sein, und solange sie es nicht sei, werde die Bundesrepublik in einem viel tragischeren Sinne ein Fragment bleiben, als es die Väter des Grundgesetzes gemeint hätten, zitierte die Wochenzeitung „Die Zeit“ damals aus der Rede von Carlo Schmid, dem Vizepräsidenten des Bundestags. (Anette Konrad)

Die Berliner Bärenfreunde freuen sich über Hinweise zu den Steinen.

Schöpferin des Berliner Bären

Sie mochte Pferde, Ziegen und Hunde, Rehe und Elefanten. Nur Katzen und Federvieh konnte sie nichts abgewinnen. Die 1888 in Schlesien geborene Renée Sintenis, die als eine der bekanntesten Tierplastikerinnen ihrer Zeit gilt, modellierte bereits 1915 die ersten Tierplastiken. Bis zu ihrem Tod 1965 schuf sie über 100 Plastiken verschiedener Tiere.

Dabei hatten es ihr besonders die tapsigen Jungtiere angetan. Bestes Beispiel ist die Skulptur des Berliner Bären, der bei der Berlinale verliehen wird. Die lebensgroße, bronzene Plastik, die seit 1957 auf dem Mittelstreifen der A115 beim ehemaligen Grenzübergang Dreilinden den Autofahrern zuwinkt, stammt ebenfalls von ihr. Der Prototyp für den kleinen Bären auf den Berliner Meilensteinen steht vor der nach der Künstlerin benannten Grundschule in Berlin-Frohnau.

1,80 Meter groß, schön, androgyn, emanzipiert und glamourös – Renée Sintenis passte gut in das quirlige Berlin der Weimarer Republik. Als erste Bildhauerin und zweite weibliche Künstlerin nach Käthe Kollwitz überhaupt wird sie in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. Unter Hitler wurde die Künstlerin aus der Akademie der Künste ausgeschlossen – sie hatte jüdische Großeltern. Ein ranghoher SS-Offizier hielt seine Hand schützend über sie, sodass sie weiterarbeiten konnte.

Nach dem Krieg wurde sie als Professorin an die Kunstakademie berufen und erhielt den Auftrag, einen Bären für Berlin zu gestalten. Einen Bären, der offiziellen Berlin-Besuchern wie John F. Kennedy überreicht wurde und der zum Symbol für die geteilte und eingemauerte Inselstadt wurde. Zum 125. Geburtstag der Bildhauerin zeigte das Georg-Kolbe-Museum in Berlin eine Werkschau ihrer Arbeiten, die ab April im Museum Kulturspeicher in Würzburg zu sehen ist. (rad)